Geburt zwischen Glück und Grenzerfahrung
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland knapp 680.000 Kinder geboren. Was dabei selten thematisiert wird: Fast die Hälfte der Gebärenden erleben die Geburt als belastend oder traumatisch. Was du dazu wissen solltest, haben wir in der Folge zusammengestellt.
Studien zufolge:
- berichten bis zu 50 Prozent der Frauen von einer belastenden Erfahrung bei der Geburt
- entwickeln rund 12 Prozent Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)
- tritt bei etwa 5 Prozent das Vollbild auf. In Risikogruppen liegt der Anteil bei bis zu 19 Prozent.
Wie aber kommt es dazu? Grundlegend gilt: Eine Geburt kann auf unterschiedliche Weise als belastend oder traumatisch erlebt werden. Entscheidend ist dabei nicht nur, was objektiv passiert, sondern vor allem, wie die Situation subjektiv, also von der Gebärenden, wahrgenommen wird.
Welche Faktoren erhöhen das Risiko für eine als traumatisch erlebte Geburt?
Es gibt Faktoren, die das Risiko erhöhen eine Geburt als belastend oder traumatisch zu erleben:
- frühere Trauma- oder Gewalterfahrungen
- psychische Vorerkrankungen
- ausgeprägte Geburtsangst
- komplikationsreiche Geburtsverläufe
Besonders entscheidend ist das subjektive Empfinden der Gebärenden, wie Kontrollverlust oder Hilflosigkeit. Eine solche geburtsbezogene posttraumatische Belastungsstörung kann langfristige Auswirkungen haben:
- Intrusionen und Flashbacks: Wiederkehrende, belastende Erinnerungen an das Ereignis, die sich ungewollt aufdrängen. Bei Flashbacks fühlen sich Betroffene so, als würden sie die Situation erneut durchleben.
- Hyperarousal und Panikattacken: Ein dauerhaft erhöhter innerer Alarmzustand mit starker Anspannung, Reizbarkeit oder Schlafproblemen. Panikattacken sind plötzliche, intensive Angstzustände mit körperlichen Symptomen wie Herzrasen oder Atemnot.
- depressive Symptome: Anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Erschöpfung oder Gefühle von Hoffnungslosigkeit, die den Alltag stark beeinträchtigen können.
Zusammenhänge beziehungsweise Auswirkungen bestehen auch zu Stillverhalten, Bindung und Partnerschaft.
Lassen sich traumatische Geburtserfahrungen vermeiden?
Wie eine Geburt erlebt wird, hängt nicht allein vom medizinischen Verlauf ab, sondern in hohem Maß vom subjektiven Erleben der Gebärenden. Entscheidend ist, ob sie sich in der Situation sicher, informiert und in Entscheidungen einbezogen fühlt. Hier setzen Maßnahmen an, die eine traumatisierende Geburt verhindern sollen. Eine zentrale Rolle spielt die frühzeitige Auseinandersetzung mit der eigenen Situation. Dazu gehört, sich über den möglichen Geburtsverlauf zu informieren, bestehende Ängste wahrzunehmen und offen anzusprechen sowie frühere belastende Erfahrungen – sofern vorhanden – in die Vorbereitung einzubeziehen. Auf diese Weise können potenzielle Belastungsfaktoren erkannt werden.
Maßnahmen während der Geburt
Auch während der Geburt beeinflussen bestimmte Rahmenbedingungen das Erleben maßgeblich. Es sollte/n:
- Entscheidungen nachvollziehbar erklärt werden
- ausreichend Raum für Fragen bestehen
- individuelle Wünsche nach Möglichkeit berücksichtigt werden
Ein Gefühl von Mitbestimmung und Kontrolle stellt dabei einen zentralen Faktor dar. Nicht jede belastende Situation lässt sich vermeiden. Aber: Je besser Frauen vorbereitet sind, je klarer sie ihre Bedürfnisse kommunizieren und je mehr sie sich in Entscheidungen einbezogen fühlen, desto größer ist die Chance, die Geburt als selbstbestimmt und nicht als belastend zu erleben.
Quellen:
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Heyne, C.-S., Kazmierczak, M., Souday, R., Horesh, D., Lambregtse-van den Berg, M., Weigl, T., Horsch, A., Oosterman, M., Dikmen-Yildiz, P., & Garthus-Niegel, S. (2022). Prevalence and risk factors of birth-related posttraumatic stress among parents: A comparative systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review, 94, 102157.
Weidner, K., Garthus-Niegel, S., & Junge-Hoffmeister, J. (2018). Traumatische Geburtsverläufe: Erkennen und Vermeiden. Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie, 222(5), 189–196.
Ayers, S., Horsch, A., Garthus-Niegel, S., Nieuwenhuijze, M., Bogaerts, A., Hartmann, K., Karlsdottir, S. I., Oosterman, M., Tecirli, G., & Turner, J. D. (2024). Traumatic birth and childbirth-related post-traumatic stress disorder: International expert consensus recommendations for practice, policy, and research. Women and Birth, 37(2), 362–367.
Weidner, K., Richter, L., & Garthus-Niegel, S. (2025). Traumatische Geburtserfahrung – Risikofaktoren und Auswirkungen auf die Partnerschaft. Gynäkologische Endokrinologie, 23(4), 241–246.
Dekel, S., Ein-Dor, T., Dishy, G., & Mayopoulos, P. (2019). Beyond postpartum depression: Posttraumatic stress-depressive response following childbirth. Archives of Women’s Mental Health, 23(4), 557.
Ayers, S., Wright, D. B., & Wells, N. (2007). Symptoms of post-traumatic stress disorder in couples after birth: Association with the couple's relationship and parent–baby bond. Journal of Reproductive and Infant Psychology, 25(1), 40–50.
Weidner, K., Bartmann, C., & Leinweber, J. (2023). Traumatische Geburt und traumasensible Geburtsbegleitung. Der Nervenarzt, 94(9), 811–820.
Statistisches Bundesamt. (o. J.). Geburten in Deutschland. www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/_inhalt.html
Gemeinsamer Bundesausschuss. (o. J.). PERITRAUMA – Peripartale Traumatisierung: Prophylaxe, Diagnostik und Therapie. innovationsfonds.g-ba.de/projekte/peritrauma.654
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